Vor 70 Jahren, am 20. August 1947, endete der "Ärzteprozess" vor dem amerikanischen Militärtribunal in Nürnberg, in welchem es auch um die systematische Ermordung der Insassen von Heil- und Pflegeanstalten im Nationalsozialismus ging

 

Eines der bis heute wenig öffentlich thematisierten Kapitel der deutschen Geschichte

 

 

 

JOHN VON DÜFFEL

 

 

NEBEL

IM AUGUST

 

(Der Fall Ernst Lossa vor Gericht)

 

Dokumentarstück nach der gleichnamigen Romanbiografie

von ROBERT DOMES

 

 

UA 16. März 2018 Landestheater Schwaben, Memmingen

 

Das Stück erzählt in der Montage einst vergessener Prozessakten, Zeugenaussagen und Berichte von dem heute noch viel zu wenig beachteten Euthanasie-Kapitel während des Nationalsozialismus. Eindringlich und exemplarisch nähern sich die Erinnerungen dabei auch der Geschichte des Jungen Ernst Lossa.

 

Ernst Lossa war eines der Opfer.

 

Er stammte aus einer Familie von „Jenischen“, Zigeuner, wie man damals sagte. Er galt als schwieriges Kind, wurde von Heim zu Heim geschoben, bis er schließlich in die psychiatrische Anstalt in Kaufbeuren eingewiesen wurde. Hier nahm sein Leben die letzte, schreckliche Wendung: In der Nacht zum 9. August 1944 bekam er die Todesspritze verabreicht. Ernst Lossa wurde im Alter von nur 14 Jahren – obgleich geistig völlig gesund – mit dem Stempel „asozialer Psychopath“ als unwertes Leben aus dem Weg geräumt.

 

Für diese Uraufführung verarbeitete John von Düffel umfassende Recherchen des Journalisten Robert Domes und Teile dessen gleichnamigen berührenden Jugendromans.

 

 

Der Hintergrund

 

Vor fast genau 70 Jahren, am 20. August 1947, endete der "Ärzteprozess" vor dem amerikanischen Militärtribunal in Nürnberg, als einer der Nachfolgeprozesse des Nürnberger Prozesses, in welchem die Täter zur Verantwortung gezogen werden sollten.

 

Angeklagt waren 20 KZ-Ärzte sowie ein Jurist und zwei Verwaltungsfachleute als Organisatoren von Medizinverbrechen. 14 der Angeklagten waren bereits im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher als verantwortlich benannt worden. Einige Täter waren verstorben, hatten Suizid begangen oder waren bereits in den Dachauer Prozessen verurteilt worden. Es hätten eigentlich wesentlich mehr Täter zur Verantwortung gezogen werden müssen, die westdeutschen Ärztekammern gingen später von 350 ärztlichen und nichtärztlichen Medizinverbrechern aus. Viele von ihnen entzogen sich jedoch durch Flucht, Tarnung oder Suizid der Verantwortung, auch wurde damals nicht unbedingt konsequent nach ihnen gefahndet. Die endgültige Auswahl der Angeklagten orientierte sich deshalb an dem Ziel, führende Vertreter der „staatlichen medizinischen Dienste“ des nationalsozialistischen Staates anzuklagen, um das Wirken des verbrecherischen Systems und nicht nur verbrecherischer Einzelpersonen zu demonstrieren. Jedoch nicht alle als verbrecherisch eingestuften medizinischen Versuche und Praktiken des Nationalsozialismus fanden Raum beim Prozess.

 

Bezeichnend war, dass beinahe alle Angeklagten sich auf einen angeblichen Befehlsnotstand beriefen oder ihre Verantwortlichkeiten relativierten und diminuierten. Nicht so der später zum Tode verurteilte Angeklagte Karl Brandt, Hitlers Begleitarzt, der insbesondere für die Tötungen in Heilanstalten verantwortlich zeichnete. Für ihn war der Arzt "Führerarzt" im Dienste des Volksganzen, Wächter über Gesundheit und Rasse, ausmerzender Richter über Krankheit und Schwäche. "Hitler gab mir seinerzeit den Auftrag, mich dieser Sache anzunehmen", gab er zu Protokoll. Auf die Frage seines Anwalts, ob er sich "irgendwie belastet" fühle, hatte er geantwortet: "Nein. Ich fühle mich dadurch nicht belastet. Ich habe die Vorstellung und Überzeugung, dass ich das, was ich in diesem Zusammenhang getan habe, vor mir selbst verantworten kann."

 

Von den 23 Angeklagten wurden am 20. August 1947 sieben zum Tode verurteilt, fünf zu lebenslangen Haftstrafen und vier zu Haftstrafen zwischen 10 und 20 Jahren. Sieben Angeklagte wurden freigesprochen.

 

Beispielhaft für die Medizinverbrechen des Nationalsozialismus wurden in dem Prozess unfreiwillige Menschenversuche, die Tötung von Häftlingen für die Anlage einer Skelettsammlung (August Hirt) und die Krankenmorde der Aktion T4 behandelt.

 

Von 1939–1945 wurden mindestens 5.000 Opfer der sogenannten „Kindereuthanasie“ ("erbkranke" und kognitiv oder körperlich beeinträchtigte Säuglinge und Kinder).

1940–1941 wurden die Bewohner von Heil- und Pflegeanstalten sowie von Heimen für Menschen mit Behinderung Opfer des Systems. Psychiatrische staatliche Landeskrankenhäuser dienten als Zwischenstation auf dem Weg in die Mordanstalten. Die Euthanasiemorde oder die „Euthanasie-Aktion“ der Aktion T4 waren die systematische massenhafte Ermordung von mehr als 100.000 behinderten Menschen durch die Zentraldienststelle T4. Neben rassenhygienischen Vorstellungen der NS-Eugenik wurden kriegswirtschaftliche Erwägungen zur Begründung herangezogen. Nach anhaltenden kirchlichen Protesten wurden die verheimlichten Tötungen nach erfolgter „Leerung“ vieler Krankenabteilungen nicht mehr zentral, sondern ab 1942 dezentral, weniger offensichtlich fortgesetzt. 

Zwischen 1942–1945 wurden Heil- und Pflegeanstalten für den, aufgrund des Krieges, steigenden Bedarf von Ausweichkrankenhäusern in Beschlag genommen. Die Patienten wurden daraufhin in besondere Anstalten verlegt und konzentriert. Durch gezielte Tötungen mit überdosierten Medikamenten oder Verhungern lassen durch Unterernährung wurde deren Zahl drastisch reduziert. Diese Phase bedeutete die Ermordung von etwa weiteren 30.000 Menschen.

 

Das Medienecho des Ärzteprozesses war gering. Der Spiegel widmete dem Prozessverlauf im März 1947 einen knappen Beitrag. Im Neuen Deutschland wurde am 11. April 1947 unter der Schlagzeile "Himmler sammelte Schädel" über "Verbrechen der ,Ahnenerbe'-Gesellschaft im Nürnberger Ärzteprozess" berichtet.

 

Der Nürnberger Ärzteprozess führte jedoch zu einer Rückbesinnung von einer kollektiven zu einer individuellen medizinischen Ethik. In seinem Urteil fasste das Gericht Kriterien zusammen, die als "Nürnberger Kodex“ den Rahmen für zukünftige medizinische (und psychologische) Menschenversuche festlegte, der auch heute noch Gültigkeit besitzt und die Debatte über die Ethik der Medizin bis heute prägt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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