Vor 70 Jahren, am 20. August 1947, endete der "Ärzteprozess" vor dem amerikanischen Militärtribunal in Nürnberg, in welchem es auch um die systematische Ermordung der Insassen von Heil- und Pflegeanstalten im Nationalsozialismus ging.

 

Eines der wenig öffentlich thematisierten Kapitel der deutschen Geschichte.

 

 

 

 

NEBEL IM NebelimAugust Memmingen 2018 2

AUGUST

 

Der Fall Ernst Lossa vor Gericht

 

von

JOHN VON DÜFFEL

 

 

Dokumentarstück

nach der Romanbiografie von Robert Domes

 

6-7 Darsteller / variable Dekoration

 

UA 16. März 2018 Landestheater Schwaben, Memmingen

Regie: Kathrin Mädler

Bühne und Kostüme: Ulrich Leitner

Ensemble: Elisabeth Hütter, Reginal Vogel, Georg Grohmann, Jan Arne Looss, Jens Schnarre, André Stuchlik

 

 

NebelimAugust Memmingen 2018 3Das Stück erzählt in der Montage einst vergessener Prozessakten, Zeugenaussagen und Berichte von dem heute noch viel zu wenig beachteten Euthanasie-Kapitel während des Nationalsozialismus. Eindringlich und exemplarisch nähern sich die Erinnerungen dabei auch der Geschichte des jenischen Jungen Ernst Lossa.

Er stammte aus einer Familie von „Jenischen“, Zigeuner, wie man damals sagte. Er galt als schwieriges Kind, wurde von Heim zu Heim geschoben. Am 20. April 1942 – ausgerechnet am "Führergeburtstag" – wird Ernst in eine Heilanstalt in Kaufbeuren eingewiesen. Der Junge, der weder behindert noch geisteskrank ist, findet unter den Verrückten, Gelähmten und Anfallskranken das, was er lange vermisst hat: Eine Familie. Ernst erlebt Geborgenheit, Freundschaft und verliebt sich über beide Ohren in eine Mitpatientin.

NebelimAugust Memmingen 2018 6Doch bald entdeckt Ernst, dass hinter der Fassade der Heilanstalt unheimliche Dinge geschehen. Patienten werden fortgebracht, ausgehungert oder sterben aus mysteriösen Gründen. Ernst versucht, das unmenschliche System zu unterwandern, schlitzohrig, mutig und mit großem Herzen. Und weiterhin träumt er von der Freiheit und dem Leben im Planwagen. Dabei ahnt der 14-Jährige nicht, wie sehr er selbst in Lebensgefahr schwebt. Im Sommer 1944, als den Deutschen dämmert, dass der Krieg verloren ist, bekommen die Todespfleger die Weisung: Ernst Lossa muss beseitigt werden. In der Nacht zum 9. August 1944 bekommt er die Todesspritze verabreicht. Ernst Lossa wird mit dem Stempel »asozialer Psychopath « als unwertes Leben aus dem Weg geräumt.

 

Für diese Uraufführung verarbeitete John von Düffel umfassende Recherchen des Journalisten Robert Domes und Teile dessen gleichnamigen berührenden Jugendromans.

 

NebelimAugust Memmingen 2018 7Augsburg, am 2. August 1949: Auf der Anklagebank ergreift der ehemalige Anstaltsleiter aus Kaufbeuren Dr. Faltlhauser das Wort. Er verteidigt Haltung und Beweggründe, die grausige Normalität des ‚Alltags’ in der Anstalt. An den Bruchlinien der historischen Dokumente und Erinnerungen taucht das Ensemble ein in die Vergangenheit, ohne das Heute zu verlieren. Sprache und Logik der psychiatrischen Gutachten und die Szenen um Ernst Lossa machen die Zurichtung spürbar, die ein gesunder Mensch in einem gestörten System erfährt. Abgestempelt als das eines „triebhaften Psychopathen“ wird Ernst Lossas Leben nach knapp 15 Jahren mittels einer tödlichen Injektion durch Anstaltsmitarbeiter beendet.

 

NebelimAugust Memmingen 2018 4Berührend aber auch investigativ stellt sich NEBEL IM AUGUST den Widersprüchen, Irrationalitäten und der Logistik dieses Euthanasie-Kapitels deutscher Geschichte. Das Stück stellt Fragen nach den Ängsten vor dem Fremden, Vielfältigen, Unangepassten. Kinderheime in Augsburg, dann psychiatrische Anstalten in Markt Indersdorf, Kaufbeuren und Irsee: die letzten Stationen von Ernst Lossas Leben zeigen, wie sehr seine Geschichte auch ein Teil schwäbischer Vergangenheit ist.

 

NEBEL IM AUGUST ist eine traurige Geschichte, aber auch eine, die Mut macht. Zeigt sie doch, wie sich ein kleiner unbeirrbarer Held mit seinen bescheidenen Mitteln gegen ein menschenfeindliches System stemmt. Die Geschichte eines Außenseiters, eines Lausebengels, eines Träumers, der sich nach nichts weiter sehnt als nach Geborgenheit, Respekt und Liebe.

 

 

NEBEL IM AUGUST von Robert Domes. Dieser begann 2002 das Leben von Ernst Lossa in Archiven und an Originalschauplätzen zu recherchieren. Er stützte sich dabei u.a. auf die bereits vorliegenden Recherchen und Veröffentlichungen des Psychiaters Michael von Cranach. Anfang der 1980er Jahre war dieser als Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren bei seinen Recherchen zur Geschichte der Klinik im Nationalsozialismus auf die Krankenakte Ernst Lossas gestoßen. Der Junge hatte 1942 bis 1944 in der Klinik gelebt und war dort auch umgebracht worden. Von Cranach hatte seitdem mehrere Aufsätze zu dieser Zeit und zu dem Schicksal Ernst Lossas veröffentlicht. Der Roman NEBEL IM AUGUST von Robert Domes erschien 2008 bei cbt (Random House) als Jugendbuch und wird an Schulen inzwischen als Unterrichtslektüre verwendet.

 

NEBEL IM AUGUST wurde 2015 als Spielfilm in der Regie von Kai Wessels mit Ivo Pietzcker und Sebastian Koch verfilmt, er kam am 6. Oktober 2016 in die deutschen Kinos und wurde 2016 mit dem bayerischen Filmpreis für die beste Regie ausgezeichnet.

 

 

und das sagt die Presse zur UA:

 

Mit der Dramatisierung des Biografieromans durch Kathrin Mädler und John von Düffel gelingt dem Landestheater Schwaben eindringliches Dokumentartheater […] Domes, Düffel, Mädler zeigen an Ernsts Beispiel anrührend und eindringlich, wie Menschen der Welt weggenommen wurden, weil sie anders waren. Das kann man an diesem Abend besonders gut studieren: Eine Gesellschaft wird immer unmenschlich, wenn sie Andersseiende nicht ertragen kann. […] Denn wie in ganz normale Menschen, die nicht einmal Nazis sein müssen, diese Inhumanität einsickert, bis Mord und Totschlag daraus werden, zeigen Text und Regie in quälender Nüchternheit. Wie Dokumentartheater lebendig wird: Hier kann man's sehen. (Nachtkritik)

 

NebelimAugust Memmingen 2018 10„Intendantin Kathrin Mädler bringt bei dieser Uraufführung Ungeheuerliches auf die Bühne: die sogenannte Euthanasie des Naziregimes, also das gnadenlose Auslöschen von angeblich lebensunwertem Leben. Dieses Leben erhält ein Gesicht. Es geht um Ernst Lossa […] Das Dokumentarische geht fließend ins Gespielte über – und umgekehrt. Beklemmend und bildstark setzen die sechs Schauspieler des Landestheaters dies in ständig wechselnden Rollen in Szene. Grausamer Höhepunkt: der Mord an Ernst Lossa. So gerät „Nebel im August“ zu einer Geschichtsstunde ohne Mief, zu einer Ethiklektion ohne Moralinsäure.“ (Augsburger Allgemeine)

 

 

 

 

 

alle Fotos © Forstner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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