THEMEN UND GENRES
AUTORENPORTRAIT
LUDWIG STEINHERR – Eine neue Stimme
Ludwig Steinherr, geboren 1962 in München, studierte Philosophie und promovierte über Hegel und Quine mit der Arbeit »Holismus, Existenz und Identität«, die mit dem Alfred-Delp-Preis der Rottendorff-Stiftung prämiert wurde.
Steinherr ist bislang vor allem mit über zwanzig veröffentlichten Gedichtbänden bekannt geworden, die in viele Sprachen übersetzt wurden, doch er hat auch Novellen, Romane und Theaterstücke sowie einen Kriminalroman veröffentlicht. Mehr zu seiner Biografie finden Sie hier: https://www.laukeverlag.de/wp-content/uploads/STEINHERR_Ludwig.pdf
Der PER H. LAUKE VERLAG hat nun seine Theaterstücke unter Vertrag genommen. Ludwig Steinherr ist ein versierter Autor, der sich in seinen Stücken durch flüssige, interessante und lebensnahe Dialoge auszeichnet. Dies gilt auch für die Figuren. Seine Plots sind gut durchdacht, dramaturgisch gut gebaut, spannend und raffiniert.
AMNESIE
Drama
2 D, 2 H / 1 Dek.
frei zur UA
Ein Abendessen zu viert – Lena und Tobias haben ihre Freunde Mia und Manuel eingeladen, um den nächsten gemeinsamen Trip nach Südtirol zu planen. Doch die Voraussetzungen sind diesmal andere. Lena, die Gastgeberin hat kurz zuvor eine TGA erlitten – eine harmlose Art von Amnesie, die nur ein paar Stunden dauert, aber eine bleibende Gedächtnislücke zurücklässt. Sie und ihr Mann Tobias sind von dem Vorfall, der sehr bedrohlich schien, noch immer verwirrt – und Lena versucht krampfhaft, durch Indizien die gelöschten Stunden zu rekonstruieren. Tobias versucht ihr liebevoll dabei zu helfen. Er und die Gäste behandeln sie übertrieben vorsichtig, was sie irritiert. Lena verlangt, dass man das Thema Amnesie einfach aussparen soll, um wie geplant den Urlaub zu besprechen. Doch beim Abendessen zeigt sich, dass das Ferienhaus, in dem sie zwölf Jahre jeden September eine gemeinsame Woche zu viert verbracht haben, abgerissen wird und dass sie ein neues Ferienhaus suchen müssen. Lena ist darüber entsetzt, denn auch hier droht nun ein Verlust an Erinnerungen. Es erscheint ihr wie ein weiterer Gedächtnisverlust.
Die Dynamik des Abends gerät jedoch mehr und mehr ins Schlingern. Unmengen Wein werden getrunken. Es wird zunehmend schwieriger, Lenas Empfindlichkeiten erfolgreich zu umschiffen, nun kommen existenzielle Wahrheiten auf den Tisch. Und nicht alle sind sie Lenas Amnesie geschuldet.
GABRIELA
oder Der weisse Gott vom Rio de la Plata
Stück
2 D, 1 H / 1 Dek.
frei zur UA
Geli und Julia treffen in der Villa ihrer Eltern aufeinander. Der Vater ist bereits tot, die Mutter, eine ehemals erfolgreiche Kinderpsychologin, liegt im Sterben. Die beiden Schwestern haben völlig andere Lebenswege eingeschlagen. Geli empfand sich Julia gegenüber bei den Eltern stets als benachteilig. Sie fühlt sich lediglich als „Versuchskaninchen“ der therapeutischen Theorien ihrer Mutter, während Julia den Vater idealisiert. Der jüngere Bruder holt den Vater vom Podest. Themen und Ereignisse aus der Vergangenheit kommen aufs Tapet und sollen als Beweise individueller Interpretationen und Deutungen dienen.
DER IRRE CATULL
Monolog
1 H / 1 Dek.
frei zur UA
Der antike, römische Dichter Catull (geb. ca. 87 v. Chr., gest. ca. 30 Jahre später) erzählt, quasi aus dem Orcus heraus und als Wiedergänger, dem Publikum aus der antiken Welt und ganz speziell aus seinem Leben. Trotz Toga und Papyrusrolle sehen wir einen modernen, jungen Mann, fast heutig anmutend und mit moderner Sprache. Catull kann sich eben an jede Lebensrealität und -epoche anpassen! Sein Hauptinteresse besteht darin, seine, offenbar für sein Leben immens bedeutende, Liebesgeschichte mit Lesbia zu erzählen. Und die war extrem kompliziert und ein stetiges Auf und Ab. Lesbia hatte zwei Gesichter, das der Göttin und das der Hure. Catull beschreibt die aufreibende Verbindung der beiden anschaulich und detailliert und untermalt Ereignisse und Emotionen mit seinen, teils obszönen, teils irren und immer wieder zarten Gedichten. In tiefe Verzweiflung wird der junge Dichter gestürzt als Lesbia ihn verlässt. Als sie ihn nach einiger Zeit wieder zu sich einlädt, bricht sich Catull tragischerweise auf dem Weg zu ihr das Genick. Doch Catulls Bericht birgt ein Happy End – im Hades sehen sich der irre Lyriker und die liebestolle, sanfte Göttin natürlich wieder.
Steinherr nähert sich mit diesem Monolog auf kreative und humorvolle Weise einer der Hauptfragen der Forschung den römischen Dichter betreffend, nämlich der nach der wahren Identität Lesbias.
SEPTEMBERMEER
Schauspiel
2 D, 2 H / 1 Dek.
frei zur UA
Sandra und Marc sind seit über 20 Jahren verheiratet, haben zwei erwachsene Kinder und fahren seit jeher immer in die gleiche Apartment-Anlage auf Korsika mit Blick aufs Meer in Urlaub. Sie treffen auf Sylke und Alex und laden die beiden zu sich ein. Während insbesondere Sandra kritisch bis pessimistisch auf das Leben schaut, sind Sylke und Alex hedonistischer eingestellt. An diesem Gegensatz entzündet sich bald ein Konflikt, u.a. zum Thema Klimawandel.
Als Alex kurz in ihr Apartment geht, begegnet er auf dem Weg einer Italienerin, die in ein Loch am Strand bis zur Hüfte eingebrochen ist. Sandra fühlt sich darin bestätigt, dass der Strand durch die Folgen des Klimawandels bereits unterspült sein könnte. Schließlich informiert Sandra die Polizei. Alle anderen halten dies für übertrieben, und die Runde löst sich auf. Doch die Katastrophe nimmt ihren Lauf – ein weiteres Loch im Strand tut sich auf – und verschluckt Sylke.
